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Artikel: Luftreinigende Zimmerpflanzen? Gutes Marketing. Fragwürdige Forschung.

Luftreinigende Zimmerpflanzen? Gutes Marketing. Fragwürdige Forschung.

Warum wir so gern an „luftreinigende“ Zimmerpflanzen glauben

Seit Jahrzehnten sind Zimmerpflanzen mehr als nur Deko. Sie wurden vermarktet – und von vielen auch geglaubt – als natürliche Luftreiniger, die Schadstoffe aus der Luft ziehen, für „frische“ Raumluft sorgen und unsere Gesundheit verbessern. Du hast bestimmt schon Listen gesehen wie „Top 10 Pflanzen für saubere Luft“ oder gehört, dass ein Einblatt Formaldehyd aus deinem Wohnzimmer entfernen soll.

Die Vorstellung ist verführerisch: schönes Grün, das im Hintergrund still die Luft „aufräumt“, während du arbeitest, schläfst oder entspannst. Aber stimmt das?

Können ein paar Topfpflanzen in deiner Wohnung die Raumluft wirklich reinigen – oder wurde das Thema überzogen, falsch verstanden und wissenschaftlich ziemlich schief eingeordnet?

Kritzelzeichnung eines Einblatts im Topf mit einem Etikett: „air purifying – not so much“
Einblatt wird oft als „Schadstoff-Entferner“ gefeiert – aber in echten Wohnungen ist der Effekt praktisch null.

In diesem Artikel klären wir, was Pflanzen für die Luftqualität können – und was nicht. Wir schauen uns die berühmte NASA-Studie an, die den Hype losgetreten hat, erklären, wie Pflanzenbiologie überhaupt mit typischen Innenraumschadstoffen zusammenhängt, und ordnen die aktuelle Forschung so ein, dass sie im Alltag wirklich hilft.

Außerdem geht es um etwas, das in dieser Debatte oft übersehen wird: den psychologischen und gestalterischen Wert von Zimmerpflanzen – und der ist meist deutlich messbarer als jeder „Luftreinigungs“-Effekt.

Inhalt:


Reinigen Zimmerpflanzen die Raumluft? Der NASA-Mythos im Faktencheck

Der Großteil des Hypes um „luftreinigende“ Zimmerpflanzen lässt sich auf eine NASA-Studie aus dem Jahr 1989 zurückführen:Wolverton, B.C. et al. (1989), Interior Landscape Plants for Indoor Air Pollution Abatement

Dafür stellte man Zimmerpflanzen in luftdicht verschlossene Glaskammern und maß, wie stark sie flüchtige organische Verbindungen (VOCs) wie Benzol, Formaldehyd und Trichlorethylen reduzieren – also Stoffe, die in Reinigungsmitteln, Farben, Lacken und Möbeln vorkommen können.

Die Ergebnisse wirkten vielversprechend – in diesem künstlichen Versuchsaufbau. Bestimmte Pflanzen wie Einblatt (Spathiphyllum) und Bogenhanf (Sansevieria) nahmen VOCs über Blätter und Wurzeln auf. Aber hier kommt der entscheidende Punkt:

Die NASA-Studie lief in abgeschlossenen Systemen ohne Luftaustausch, ohne Ventilation – und mit Schadstoffwerten, die deutlich über typischen Wohnraumbedingungen lagen.


Warum sich NASAs Ergebnisse nicht auf dein Zuhause übertragen lassen

Deine Wohnung ist kein Labor. In echten Räumen gilt:

  • Luft bewegt sich ständig – über Fenster, Türen, Lüftungssysteme und Undichtigkeiten.
  • Schadstoffe werden verdünnt, statt eingeschlossen zu bleiben.
  • Pflanzen haben wenig Zeit und wenig wirksame Oberfläche, um überhaupt etwas aufzunehmen.
  • In vielen Wohnräumen liegen 0,5–1,0 Luftwechsel pro Stunde vor – das ist schneller als jede Pflanzenaufnahme.

Eine einflussreiche Auswertung von Cummings & Waring (2019) hat die gesamte verfügbare Literatur dazu analysiert und kommt zu einem klaren Schluss:

„Selbst unter idealen Bedingungen ist die Luftreinigungsleistung (CADR) von Zimmerpflanzen so niedrig, dass sie keine sinnvolle Wirkung auf die Luftqualität in Wohnungen oder Büros haben.“

Um die VOC-Reduktion aus NASAs Kammern auch nur annähernd zu erreichen, bräuchtest du 10–1.000 Pflanzen pro Quadratmeter in einem abgedichteten Raum – völlig absurd und im Alltag nicht umsetzbar.

Kritzelzeichnung mit den Begriffen VOCs, CO₂, PM2.5 und PM10, die in der Luft schweben
Bevor du fragst, ob Pflanzen die Luft reinigen, hilft es zu wissen, welche Schadstoffe in Innenräumen überhaupt relevant sind.

Was ist in deiner Luft? Innenraumschadstoffe verständlich erklärt

Bevor wir darüber sprechen, was Zimmerpflanzen leisten können (oder eben nicht), lohnt sich ein Blick darauf, was in Innenräumen überhaupt in der Luft hängt. Raumluft wirkt oft „sauber“, enthält aber je nach Alltag und Materialien eine Mischung unsichtbarer Schadstoffe. Und: Nicht jeder Schadstoff verhält sich gleich.

Hier sind die wichtigsten Arten von Innenraumschadstoffen – und wie (oder ob) Zimmerpflanzen damit überhaupt etwas zu tun haben.

1. Flüchtige organische Verbindungen (VOCs)

Was das ist:

VOCs sind chemische Stoffe, die leicht aus Materialien oder Produkten ausgasen, zum Beispiel aus:

  • Farben und Lacken
  • Reinigungsmitteln
  • Möbeln aus Pressholz
  • Duftkerzen und Lufterfrischern

Häufige VOCs:

  • Formaldehyd – aus Klebstoffen, Bodenbelägen und Textilien
  • Benzol – aus Tabakrauch und manchen Kunststoffen
  • Toluol – aus Farben und Klebern

Warum das relevant ist:

VOCs können Kopfschmerzen, Reizungen der Atemwege und Schwindel auslösen. Bei langfristiger Belastung steigt das Risiko für bestimmte Erkrankungen.

Können Pflanzen helfen?

In der Praxis kaum. In Laboraufbauten mit hohen VOC-Werten und ohne Luftaustausch können bestimmte Pflanzen geringe Mengen aufnehmen. In normal belüfteten Wohnungen ist die VOC-Konzentration deutlich niedriger, und die Aufnahmeleistung von Pflanzen ist vernachlässigbar (Cummings & Waring, 2019). Für einen messbaren Effekt bräuchtest du zahlreiche große, ausgewachsene Pflanzen in einem nahezu abgedichteten Raum.


2. Feinstaub (PM2.5 und PM10)

Was das ist:

Feine Partikel in der Luft, die z. B. entstehen durch:

  • Kochen
  • Rauchen
  • Kerzen und Räucherstäbchen
  • Staub, Hautschuppen, Tierhaare
  • Außenluftverschmutzung, die ins Haus gelangt

Warum das relevant ist:

Feinstaub – vor allem PM2.5 (≤ 2,5 Mikrometer) – dringt tief in die Lunge ein und kann in den Blutkreislauf gelangen. Er steht stark mit Asthma, Herz-Kreislauf-Problemen und langfristigen Atemwegserkrankungen in Zusammenhang.

Können Pflanzen helfen?

Nein. Es kann sich zwar Staub auf Pflanzenoberflächen absetzen, aber Pflanzen filtern keinen Feinstaub aus der Luft. Effektiv geht das nur über mechanische Luftreiniger mit HEPA-Filtern.


3. Kohlendioxid (CO₂)

Was das ist:

Ein farb- und geruchloses Gas, das Menschen und Haustiere ausatmen.

Warum das relevant ist:

In schlecht gelüfteten Räumen kann CO₂ ansteigen – mit Müdigkeit, Konzentrationsproblemen und Kopfschmerzen als typische Folge.

Können Pflanzen helfen?

Technisch: ja, tagsüber – Pflanzen nehmen CO₂ bei Licht über Photosynthese auf. Praktisch: kaum. Die Mengen sind im Verhältnis zu dem, was ein Mensch ausatmet, winzig.

Du bräuchtest Hunderte Pflanzen, um den CO₂-Ausstoß einer einzelnen Person in Innenräumen auszugleichen.


4. Biologische Schadstoffe

Was das ist:

Schimmelsporen, Bakterien, Viren, Pollen, Tierhaare und ähnliche Partikel.

Warum das relevant ist:

Diese Stoffe können Allergien auslösen, Asthma verschlimmern und Infektionen begünstigen – besonders bei empfindlichen Personen.

Können Pflanzen helfen?

Nein. Im Gegenteil: Pflanzen können das Problem manchmal verschärfen, wenn:

  • Substrat dauerhaft zu feucht ist (Schimmelrisiko)
  • Blätter Staub und Pollen sammeln
  • Übermäßiges Gießen die Luftfeuchte unnötig anhebt und Schimmel begünstigt

Pflanzen geben über Transpiration zwar Feuchtigkeit ab – das „reinigt“ aber nichts, sondern verändert lediglich die relative Luftfeuchtigkeit. Das kann in sehr trockenen Wohnungen angenehm sein, wird aber zum Problem, wenn dadurch ein dauerhaft feuchtes Raumklima entsteht.

Zusammenfassung: Die meisten Schadstoffe liegen außerhalb der Reichweite von Pflanzen

Schadstofftyp

Typische Quelle

Können Pflanzen das entfernen?

Bessere Lösung

VOCs

Farben, Reiniger, Möbel

Minimal, nur in geschlossenen Testaufbauten

Lüften, schadstoffarme Produkte

PM2.5/PM10

Kochen, Rauch, Außenluft

❌ Nein

HEPA-Luftreiniger

CO₂

Menschen, Haustiere

Kaum

Stoßlüften

Schimmel, Allergene

Haustiere, feuchte Stellen

❌ Nein

Luftfeuchte steuern, reinigen

Person hält eine Sansevieria und steht vor einem Raum voller Topfpflanzen
Selbst inmitten von Grün wird die Luftqualität nicht plötzlich besser – ohne Lüftung oder Filterung passiert praktisch nichts.

Mythen über „luftreinigende“ Zimmerpflanzen im Faktencheck

Die Idee, dass Zimmerpflanzen „die Luft reinigen“, ist überall: in Bloglisten, auf Pinterest, auf Etiketten im Gartencenter. Aber wie viel davon ist Wissenschaft – und wie viel ist schlicht Wunschdenken plus Marketing?

Zeit, die häufigsten Behauptungen mit realen Messdaten und Studien einzuordnen.

✗ Mythos 1: Eine Pflanze kann die Luft in einem Raum reinigen

Die Behauptung:

Ein einzelner Bogenhanf oder ein Einblatt zieht Schadstoffe aus der Luft und macht dein Wohnzimmer spürbar „gesünder“.

Die Realität:

In einem normal belüfteten Zuhause hat eine einzelne Pflanze praktisch keinen Effekt auf die Luftqualität. Das ist kein Gefühl, sondern lässt sich über Messwerte zeigen.

Der Schlüsselbegriff heißt Clean Air Delivery Rate (CADR).

  • Die CADR einer einzelnen Pflanze liegt grob bei 0,02–0,04 m³/h.
  • Ein typischer HEPA-Luftreiniger schafft 100–400 m³/h.

Laut Cummings & Waring (2019) bräuchtest du über 1000 Pflanzen pro Raum, um die Leistung eines durchschnittlichen Luftreinigers zu erreichen.


✗ Mythos 2: Die NASA-Studie hat bewiesen, dass Pflanzen Luftfilter sind

Die Behauptung:

NASA hat bewiesen, dass Zimmerpflanzen die Luft reinigen – also sind sie die ultimative natürliche Lösung.

Die Realität:

Ja, NASA hat 1989 so eine Studie durchgeführt – aber in luftdicht verschlossenen Glaskammern, nicht in realen Zimmern. Das Ziel war, Luftreinigung in Raumstationen zu untersuchen, nicht in Wohnungen.

Kein Luftaustausch, keine Fenster, künstlich hohe VOC-Werte. Unter diesen Bedingungen kann man Effekte messen. Aber sobald Ventilation ins Spiel kommt, bricht das zusammen.

„NASAs Ergebnisse lassen sich nicht auf reale Innenräume übertragen.“ – Dela Cruz et al., 2014; Cummings & Waring, 2019


✗ Mythos 3: Pflanzen filtern Feinstaub und Rauch (PM2.5)

Die Behauptung:

Zimmerpflanzen entfernen Feinstaub, Rauch oder Pollen aus der Luft.

Die Realität:

Tun sie nicht. Feine Partikel wie PM2.5 sind zu klein, um von Blättern oder Substrat „gefiltert“ zu werden. Dass sich Staub absetzt, ist passive Ablagerung – keine Luftreinigung.

Wenn du PM2.5 wirklich senken willst, brauchst du HEPA-Filter. Das ist die einzige Lösung, die in echten Wohnungen zuverlässig wirkt.


✗ Mythos 4: Pflanzen sind eine eigenständige Lösung für saubere Luft

Die Behauptung:

Wenn du genug „richtige“ Pflanzen hast, brauchst du keinen Luftreiniger und keine gute Lüftung.

Die Realität:

Egal wie viele Einblätter du aufstellst – Pflanzen können nicht:

  • ausreichenden Luftaustausch ersetzen
  • Tierhaare, Bakterien oder Schimmelsporen entfernen
  • Feinstaub zuverlässig aus der Luft holen
  • hohe Belastungen durch neue Möbel, lösemittelreiche Farben oder Gasherde auffangen

Pflanzen können Teil einer größeren Strategie sein – aber sie sind kein Ersatz für Technik, Quellkontrolle oder guten Luftaustausch.


Mythos 5: Marketingaussagen spiegeln den wissenschaftlichen Konsens

Die Behauptung:

Wenn auf dem Etikett „luftreinigend“ steht, ist das wissenschaftlich abgesichert.

Die Realität:

Leider nein. Viele Aussagen basieren fast ausschließlich auf NASAs Studie – und werden pauschal als Verkaufsargument genutzt. Moderne Forschung zeichnet ein anderes Bild.

„Pflanzenbasierte VOC-Entfernung in Wohnungen ist unbedeutend.“ – Irga et al., 2013; Cummings & Waring, 2019; Yang et al., 2009


Ein ehrlicher Blick auf Zimmerpflanzen und Raumluft

Fazit: Zimmerpflanzen sind keine Luftreiniger in dem Sinne, wie es die meisten Labels suggerieren. Das heißt aber nicht, dass sie nichts bringen – im Gegenteil.

Sie:

  • können in Extremfällen geringe Mengen VOCs aufnehmen
  • können in trockenen Umgebungen die Luftfeuchte leicht beeinflussen
  • haben starke psychologische und gestalterische Effekte, die Technik nicht ersetzen kann

Nur: Erwarte von ihnen nicht, was ein HEPA-Filter oder frische Luft zuverlässig leisten.

Illustration: Topfpflanze und Luftreiniger zusammen in einer Zimmerecke
Pflanze und Luftreiniger können sich eine Ecke teilen – aber nur einer entfernt unter echten Bedingungen Schadstoffe aus der Luft.

Wie Pflanzen wirklich mit Raumluft interagieren: die Biologie dahinter

Viele Artikel tun so, als gäbe es hier eine Art Naturmagie. Aber was heißt „Luftreinigung“ biologisch überhaupt? Welche Prozesse laufen ab – und funktionieren sie im Wohnalltag?

Tatsächlich ist die Aufnahme von Schadstoffen durch Pflanzen biologisch komplex – und passiert größtenteils nicht dort, wo die meisten es vermuten. Schauen wir es uns sauber an.

Photosynthese: Sauerstoff am Tag, aber keine Luftreinigung

Wir alle kennen das Schulwissen: Pflanzen nehmen Kohlendioxid (CO₂) auf und geben bei Photosynthese Sauerstoff ab – sie machen aus Licht, Wasser und CO₂ Energie.

Das stimmt. Aber Photosynthese macht nicht das, was viele „Luftreinigung“ nennen:

  • Sie entfernt keine Stoffe wie Formaldehyd oder Benzol.
  • Sie filtert keine Partikel oder Allergene.
  • Und sie läuft nachts bei den meisten Arten nicht (in der Form, wie sie tagsüber läuft).

Ja, Pflanzen produzieren Sauerstoff – aber im maßlosen Kleinformat im Vergleich zu Raumvolumen und menschlicher Atmung. Ein paar Töpfe verändern CO₂- oder Sauerstoffwerte im Raum nicht spürbar.

Studien wie Xu et al. (2011) und Kim et al. (2008) zeigen deutlich: Der sichtbare Teil der Pflanze – die Blätter – spielt bei der Schadstoffentfernung nur eine sehr kleine Rolle.

Die Rhizosphäre: Wo der eigentliche Effekt entsteht

Wenn überhaupt etwas passiert, dann vor allem in der Rhizosphäre – also der Zone im Substrat rund um die Wurzeln.

Dort leben Bakterien und Pilze, die VOCs aufnehmen und zu weniger problematischen Stoffen abbauen können. Die Pflanze ist dabei eher Teil eines Systems als der alleinige „Filter“.

  • VOCs werden über Blätter aufgenommen oder gelangen durch Luftbewegung ins Substrat.
  • Im Wurzelbereich übernehmen Mikroorganismen den Abbau.
  • Das ist messbar – aber nur in geschlossenen, optimierten Versuchsaufbauten.

💡 Stell dir die Pflanze als Transportsystem vor:

  • VOCs gelangen an Blätter oder ins Substrat.
  • Die Stoffe wandern in die Wurzelzone, wo Mikroorganismen sie abbauen.
  • Das ist nicht schnell und nicht „großvolumig“ – aber unter Laborbedingungen nachweisbar.

Wichtige Studien:

  • Orwell et al., 2004 – Benzol-Abbau findet vor allem im Pflanzen/Substrat-Mikrosystem statt.
  • Kim et al., 2008 – Die Aufnahme über Blätter ist gering im Vergleich zum mikrobiellen Beitrag im Wurzelbereich.
  • Xu et al., 2011 – Substrat und mikrobielle Vielfalt sind entscheidend für messbaren Abbau.

Warum klappt das im Wohnalltag nicht?

In echten Wohnungen kommen mehrere Bremsen zusammen:

  • Ventilation tauscht Luft schnell aus, bevor VOCs überhaupt „Zeit“ haben, in ein Pflanzensystem zu gelangen.
  • Niedrige VOC-Konzentrationen bedeuten: für Mikroben gibt es wenig umzusetzen.
  • Trockene Innenraumluft bremst mikrobielle Aktivität im Substrat.
  • Kleine Töpfe und oft sterile oder mikrobiologisch arme Substrate (z. B. torflastige Mischungen) unterstützen keine stabile, aktive Mikrowelt.

Wie Cummings & Waring (2019) erklären: Das Potenzial für VOC-Abbau existiert, aber die Wirkung ist in belüfteten Innenräumen verschwindend klein.

Nicht alle Pflanzen sind gleich

Einige Arten schneiden in Kammerstudien besser ab als andere – aber selbst bei „Top-Kandidaten“ hängt alles vom Kontext ab.

  • Spathiphyllum (Einblatt) und Sansevieria (Bogenhanf) zeigten in Kammern einen messbaren VOC-Effekt (NASA, 1989).
  • Aber Yang et al. (2009) und Kim et al. (2010) fanden, dass die Effizienz stark schwankt – teils sogar innerhalb derselben Art.

„Luftreinigend“ ist also kein festes Merkmal – es ist bedingungenabhängig und sehr variabel.

Zusammenfassung: Was die Biologie tatsächlich sagt

Mechanismus

Funktioniert im Labor?

Funktioniert in Wohnungen?

Limitierungen

Photosynthese

✅ Sauerstoffproduktion

❌ Effekt vernachlässigbar

Keine VOC-Entfernung

VOC-Aufnahme über Blätter

✅ Minimal

❌ Nahe null

Zu wenig wirksame Fläche

Mikrobieller Abbau in der Rhizosphäre

✅ In geschlossenen Systemen

⚠️ Sehr begrenzt

Benötigt hohe VOCs + aktives Substrat

Feinstaub-Filterung

❌ Nein

❌ Nein

Nur HEPA-Filter wirken

Kritzelzeichnung von Wandregalen mit Dutzenden kleinen Zimmerpflanzen
Um auch nur an einen einfachen Luftreiniger heranzukommen, bräuchtest du Dutzende – wenn nicht Hunderte – gut gepflegte Pflanzen.

Wie viele Pflanzen wären nötig, um die Raumluft zu reinigen?

Wenn man verstanden hat, wie Pflanzen mit Schadstoffen interagieren – und wo die Grenzen liegen – bleibt die naheliegende Frage: Wie viele Pflanzen bräuchtest du, um in Innenräumen überhaupt einen messbaren Effekt zu sehen?

Die kurze Antwort: Sehr viele. Die längere Antwort: Schauen wir uns das anhand konkreter Szenarien an.

Szenario 1: Eine Zimmerpflanze im typischen Wohnzimmer

Ausgangslage:

Du stellst eine einzelne Topfpflanze – sagen wir ein Einblatt (Spathiphyllum wallisii) – in einen 20 m² Raum (Volumen ~50 m³). Es gibt normale Luftbewegung durch Fenster, Türen oder eine Lüftung, und es existieren typische VOC-Quellen wie Möbel, Reiniger oder Alltagseinflüsse wie Kochen und Duftsprays.

Wissenschaftliche Grundlage: Bringt eine einzelne Pflanze etwas?

Das ist die häufigste Wohnrealität – und gleichzeitig die größte Fehlannahme. Viele Werbeaussagen tun so, als könne schon eine einzige Pflanze einen Raum „reinigen“. Forschung und Messwerte zeigen etwas anderes.

Clean Air Delivery Rate (CADR)

Schauen wir auf die Zahlen:

  • Laut Cummings & Waring (2019) und Wang & Zhang (2011) liegt die CADR einer einzelnen Pflanze etwa bei 0,02 bis 0,1 m³/h.
  • Ein HEPA-Luftreiniger liegt im Vergleich bei 100 bis 400 m³/h.
  • Ein typischer Raum hat 0,5–1,0 Luftwechsel pro Stunde – also wird das gesamte Raumvolumen allein durch Luftaustausch 25–50 m³ pro Stunde erneuert.

Was das bedeutet:

Selbst wenn die Pflanze ein bisschen VOCs aufnimmt, wird dieser Effekt vom Luftaustausch und der Verdünnung vollkommen dominiert. Schadstoffe werden in der Praxis deutlich schneller durch Lüftung reduziert als durch Pflanzenaufnahme.

VOC-Entfernung in der Praxis

Studien wie Dela Cruz et al. (2014) und Irga et al. (2013) zeigen:

  • VOC-Reduktion durch eine einzelne Pflanze ist unter belüfteten Bedingungen vernachlässigbar.
  • Reale VOC-Werte in Wohnungen liegen oft bei 10–500 µg/m³ – deutlich niedriger als die 1000+ µg/m³ in vielen Kammerexperimenten.
  • Bei niedrigen Konzentrationen fällt die Aufnahmerate über Blätter und Wurzeln stark ab.

💡Beispiel: Bei 20 µg/m³ Formaldehyd könnte ein Einblatt über mehrere Stunden weniger als 0,01% der vorhandenen Menge aufnehmen – ein Wert, der im Messrauschen untergeht.

Transpiration und Luftfeuchte

Eine einzelne Pflanze gibt über Transpiration je nach Licht, Temperatur und Art ungefähr 5–15 mL pro Stunde an die Luft ab. In einem belüfteten Raum führt das nicht zu einem spürbaren Luftfeuchteanstieg und beeinflusst die Schadstofflage nicht relevant.

Unterm Strich: Eine Pflanze ist kein Luftreiniger

Faktor

Ergebnis

VOC-Reduktion

❌ Unterhalb sinnvoller Nachweisbarkeit

Feinstaub-Reduktion

❌ Keine

CO₂-Reduktion

❌ Unbedeutend

Luftfeuchte-Effekt

⚠️ Minimal

Psychologischer/gestalterischer Nutzen

✅ Deutlich

Eine einzelne Pflanze in einem belüfteten Raum sorgt nicht für nennenswerte Luftreinigung. Selbst wenn sie ein paar VOC-Moleküle aufnimmt, ist Verdünnung durch Luftaustausch um ein Vielfaches effektiver.

Der echte Beitrag?

Optik, Entspannung und das Gefühl von Natur im Raum.


Szenario 2: Ein Raum voller Pflanzen (10–20 Pflanzen in einem normalen Wohnraum)

Ausgangslage:

Ein gut beleuchteter Raum mit 20 m² (~50 m³) enthält 10–20 Zimmerpflanzen – z. B. Einblatt, Efeutute, Bogenhanf und Grünlilie. Die Pflanzen sind gesund, stehen in erdhaltigen Substraten, der Raum hat normalen Luftaustausch. VOC-Quellen sind Möbel, Elektronik, Textilien und Reinigungsmittel.

Das entspricht dem, was viele sich unter einem „Wohnzimmer-Dschungel“ vorstellen – grün, lebendig, und oft mit der Hoffnung auf bessere Luft.

Wissenschaftliche Realität: Hilft mehr wirklich mehr?

Mehr Pflanzen erhöhen theoretisch die potenzielle Aufnahme. Die Frage ist: Schafft das in realer Luftbewegung eine messbare Verbesserung?

Rechnen wir nach:

  • CADR pro Pflanze: grob ~0,02–0,1 m³/h (je nach Art und Bedingungen)
  • CADR bei 20 Pflanzen: im Bestfall ~2 m³/h
  • Typischer Luftaustausch: 0,5–1,0 Luftwechsel pro Stunde = 25–50 m³/h
  • Selbst mit 20 Pflanzen liegst du damit bei <10% dessen, was Luftaustausch ohnehin leistet.

Selbst bei guten Bedingungen kann diese Pflanzendichte nicht mit dem Tempo mithalten, mit dem Luftaustausch Schadstoffe verdünnt und abführt.

Was Studien dazu zeigen

  • Irga, Torpy & Burchett (2013) untersuchten echte Bürobedingungen und fanden: VOC-Reduktionen waren gering und uneinheitlich.
  • Orwell et al. (2004) zeigen, dass Aufnahmeraten durch physiologische und mikrobielle Grenzen plateauieren können – mehr Pflanzen ≠ linear mehr Effekt.
  • Cummings & Waring (2019) betonen: Unter realen Luftwechselraten liefern selbst 50 Pflanzen keine messbare Verbesserung, solange der Raum nicht nahezu abgedichtet ist.

💡 Von einer Pflanze auf zwanzig zu gehen erhöht das Potenzial – aber in normalen Wohnräumen bleiben die realen Effekte verschwindend klein.

Und was ist mit Luftfeuchte?

  • Transpiration von 20 Pflanzen kann – je nach Art und Größe – etwa 0,5–1,5 Liter Wasser pro Tag in die Luft bringen.
  • In trockenen Wohnungen kann das die relative Luftfeuchte etwas anheben.
  • In gut belüfteten Räumen wird diese Feuchtigkeit aber schnell abgeführt – der Effekt bleibt mild und kurzlebig.

Das kann sich im Raumkomfort bemerkbar machen – es ist aber keine Luftreinigung.

Zusammenfassung: Bessere Atmosphäre, nicht sauberere Luft

Faktor

Ergebnis

VOC-Reduktion

⚠️ Wenn überhaupt, dann minimal

Feinstaub-Reduktion

❌ Keine

CO₂-Reduktion

❌ Unbedeutend

Luftfeuchte-Effekt

✅ Moderat in trockenen Räumen

Visueller/psychologischer Effekt

✅ Stark

Selbst mit 10–20 Pflanzen bleibt der Luftreinigungs-Effekt im Vergleich zu Lüftung vernachlässigbar. Aber: Für Stimmung, Raumgefühl und Wohlbefinden kann so ein Pflanzenraum richtig viel bringen.

Wenn du einen grünen, lebendigen Raum willst: Dann bau ihn dir. Wenn du Feinstaub oder VOCs wirklich reduzieren willst, bist du mit Lüftung und einem HEPA-Filter weiterhin besser beraten.

Kritzelzeichnung eines kleinen Zimmers, das mit Topfpflanzen überfüllt ist; in der Mitte ein leerer Sessel
Selbst das reicht nicht. Für spürbare Luftreinigung würdest du immer noch weit danebenliegen – und die Luft würde schnell stickig, zu feucht und gesundheitlich problematisch.

Szenario 3: Die NASA-ähnliche Kammer-Fantasie

Ausgangslage:

Du dichtest einen 10 m² Raum (ca. 25 m³) vollständig ab, sodass keine Luft hinein- oder herauskommt. Du stellst 10–20 große, gesunde Zimmerpflanzen hinein – etwa Einblatt, Bogenhanf, Grünlilie – in Topferde oder mineralischen Substraten. Du nutzt starke Kunstbeleuchtung, um Tageslicht zu simulieren. VOCs entstehen durch Möbel, Reiniger und Kunststoffe, und sie können sich im Raum ansammeln.

Das entspricht in etwa den Bedingungen, unter denen die NASA-Studie von 1989 überhaupt erst ihre „luftreinigenden“ Effekte gemessen hat.

Wissenschaftliches Ergebnis: Ja, Pflanzen können VOCs reduzieren – aber nur unter diesen Extrembedingungen:

NASAs Experiment (Wolverton et al., 1989) war nie als Wohnzimmer-Modell gedacht. Es zielte auf Situationen wie Raumstationen ab, wo:

  • Luft weitgehend geschlossen und rezirkuliert ist
  • Schadstoffe sich ansammeln, weil sie nicht „weg“ können
  • Licht, Luftstrom und Luftfeuchte kontrolliert werden

In so einem luftdichten, stark belasteten Setup konnten bestimmte Pflanzen tatsächlich VOCs wie Benzol, Toluol und Formaldehyd reduzieren. Der entscheidende Punkt: Der Großteil dieser Reduktion kommt nicht aus den Blättern, sondern aus Mikroorganismen im Substrat (Orwell et al., 2004; Xu et al., 2011).

Das Problem: Das kannst du zu Hause nicht sinnvoll nachbauen

So ein Setup in Wohnräumen nachzustellen ist:

  • ungesund
  • unsicher
  • wissenschaftlich unnötig

1. Keine Lüftung = massive Gesundheitsrisiken

  • Ohne Luftaustausch steigt CO₂ durch deine Atmung schnell an – mit Kopfschmerzen, Müdigkeit und schlechter Konzentration.
  • Sauerstoff sinkt, besonders nachts, wenn Pflanzen Sauerstoff verbrauchen statt zu produzieren.
  • VOCs aus Möbeln und Produkten können sich weiter anreichern – oft schneller, als Pflanzen sie abbauen.
  • Übrig bleibt stickige, feuchte, sauerstoffarme Luft.

2. Luftfeuchte steigt schnell

  • Eine Pflanze kann täglich 50–200 mL Wasser über Transpiration abgeben.
  • In einem abgedichteten 10 m² Raum mit 10+ Pflanzen landen so 1–2 Liter pro Tag als Wasserdampf in der Luft.
  • Ohne Abfuhr oder Entfeuchtung kann die Luftfeuchte 70–80% leicht überschreiten – und das triggert:
    • Schimmelbildung

    • Kondensation an Wänden und Fenstern
    • mehr Hausstaubmilben
    • Atemwegsreizungen und stärkere Allergiesymptome

3. Mikrobieller VOC-Abbau braucht sehr spezielle Bedingungen

Hier liegt der eigentliche Mythos-Killer:

In den meisten Wohnungen findet dieser mikrobielle VOC-Abbau praktisch nicht statt.

Warum?

  • Viele Erdmischungen sind sterilisiert oder mikrobiologisch arm – die Gemeinschaften, die VOCs abbauen, fehlen.
  • Mineralische Substrate sind inert und bieten ohne gezielte Besiedelung kaum VOC-Abbau-Potenzial.
  • Selbst in „lebendiger“ Erde hängt mikrobielle Aktivität von Feuchte, Sauerstoff und Schadstoffkonzentration ab – Bedingungen, die im Alltag selten zusammenkommen.
  • Xu et al. (2011) und Kim et al. (2008) zeigen: Ohne optimierte Rhizosphäre und hohe VOC-Last ist der Abbau unbedeutend oder nicht nachweisbar.

Ohne ein optimiertes System mit aktivem, besiedeltem Substrat und gezielter Luftführung durch die Wurzelzone gibt es keine sinnvolle „Luftreinigung“ an der Wurzel.

4. Lichtanforderungen sind unrealistisch

  • Die meisten Zimmerpflanzen brauchen 12–14 Stunden ausreichend intensives Licht, um stark zu photosynthetisieren und zu transpirierten.
  • Das bedeutet leistungsstarke Pflanzenlampen, zusätzliches Wärmemanagement und kontrollierte Lichtzyklen.
  • Für 10–20 große Pflanzen wird der Strom- und Kühlbedarf schnell absurd – und normales Wohnraumlicht reicht dafür nicht.

Zusammenfassung: Wissenschaftlich spannend, im Alltag nutzlos

Faktor

NASA-Kammer

Zuhause

Warum es scheitert

VOC-Reduktion

✅ Ja (abgedichtet)

❌ Nein

Zu viel Luftaustausch, zu wenig aktive Mikrobiologie

Feinstaub-Filterung

❌ Keine

❌ Keine

Pflanzen fangen PM2.5 nicht

CO₂-Balance

⚠️ Im Labor steuerbar

❌ Unsicher

Kein Luftaustausch = CO₂ steigt

Luftfeuchte-Kontrolle

✅ Geregelt

❌ Zu hoch

Transpiration + keine Abfuhr

Mikrobieller Substratabbau

✅ In aktiver Erde

❌ Fehlanzeige

Inert/arm an Mikroben ohne Setup

Realistisch zu Hause

❌ Nicht wirklich

❌ Nicht wirklich

Unpraktisch, ungesund, unnötig

Unterm Strich: Ja, Pflanzen können VOCs unter abgedichteten, künstlichen Bedingungen reduzieren.

Aber in deiner Wohnung – mit Luftaustausch, niedrigen Belastungen und Substraten, die selten als „aktiver Biofilter“ funktionieren – passiert für die Luftqualität praktisch nichts. Eine NASA-Kammer zu Hause nachbauen zu wollen ist wissenschaftlich interessant, aber komplett an der Realität vorbei.


Szenario 4: Grüne Wände und Biofilter – funktionieren die wirklich?

Ausgangslage:

Du installierst ein aktives Pflanzenwandsystem – oft als Green Wall oder botanischer Biofilter bezeichnet – in einem Gebäude. Das ist nicht einfach ein vertikaler Garten, sondern ein technisches System mit:

  • Dozenden bis Hunderten dicht gesetzten Pflanzen
  • einem erzwungenen Luftstrom (Ventilatoren), der Raumluft durch die Wurzelzone zieht
  • einem Substrat für Luftdurchfluss, teils mit Aktivkohle oder bioaktiven Medien
  • einer Pumpenbewässerung mit Sensorik
  • Vollspektrum-Pflanzenlampen
  • Wartungsroutinen, damit Mikrobiologie stabil bleibt und keine Probleme im Wurzelbereich entstehen

Das ist die einzige pflanzenbasierte Lösung, die in realen Gebäuden konsistent ein Luftreinigungspotenzial gezeigt hat. Aber bevor du deinen Luftreiniger entsorgst: Schauen wir uns an, was dafür nötig ist – und warum das zu Hause meistens unpraktisch ist.

Wissenschaftliche Grundlage: Wann Pflanzen tatsächlich Luft reinigen

Studien wie:

  • Wang & Zhang (2011)
  • Soreanu et al. (2013)
  • Darlington et al. (2000)
  • Mikkonen et al. (2018)

...zeigen, dass aktive Pflanzenwandsysteme unter passenden Bedingungen:

  • relevante Mengen VOCs (z. B. Formaldehyd, Benzol, Toluol) reduzieren können
  • CO₂ leicht senken können
  • über längere Zeit funktionieren können – wenn alles gut eingestellt ist

Sie nutzen das Prinzip aus der NASA-Logik, aber im großen Maßstab und mit geplanter Luftführung und kontrollierter Substratbiologie. Häufig kombiniert man dabei:

  • Phytoremediation (Aufnahme über Pflanzen)
  • Biofiltration (mikrobieller VOC-Abbau)
  • Adsorption (z. B. Aktivkohle)

💡 Richtig umgesetzt entsteht so ein „lebender Luftreiniger“, der bei VOCs teils an die Leistung kleiner Filtergeräte (HEPA + Aktivkohle) herankommen kann.

Aber hier ist der Haken: Das ist keine Selberbauen-Lösung

Die Hürden für den Einsatz zu Hause sind erheblich:

1. Hohe Kosten und komplexe Installation

  • Startkosten: €2.000–€10.000+ je nach Größe, Technik, Pflanzen und System
  • Installation erfordert:
    • Elektroarbeiten (Licht und Ventilatoren)

    • Bewässerung/Leitungen oder Pumpensystem
    • tragfähige Wandkonstruktion
    • Feuchtigkeitsschutz und sichere Abdichtung
  • Individuelle Planung ist nötig: Luftwege, Ein-/Auslässe, Lichtführung.

Das ist kein Wochenendprojekt – eher eine kleine Lüftungstechnik-Anlage mit lebendem Ökosystem als Kern.

2. Mikrobiologie ist nicht optional

  • VOC-Abbau wird primär durch Mikroorganismen im Substrat getragen – nicht nur durch die Pflanze.
  • Diese Mikroorganismen brauchen:
    • stabile Feuchte (weder austrocknen noch vernässen)

    • gut belüftetes Substrat (nicht verdichtet, nicht stagnierend)
    • regelmäßige Nährstoffversorgung
    • Kontrolle, damit keine Pathogene oder Schimmel dominieren
  • Wird das vernachlässigt, fällt die Leistung schnell oder das System wird zum Schimmelproblem.

Ohne stabile Mikrobiologie ist die Pflanzenwand teure Kulisse – kein Filter.

3. Licht und Energiebedarf

  • Innenwände brauchen leistungsstarke Vollspektrum-LEDs, oft 10–14 Stunden täglich
  • Die Intensität muss zu den photosynthetischen Ansprüchen der Pflanzen passen
  • Das bedeutet laufende Energiekosten, Wärmeentwicklung und Wartung

4. Luftfeuchte, Kondensation und Schimmelrisiko

  • Transpiration und Bewässerung erhöhen lokal die Luftfeuchtigkeit deutlich.
  • In schlecht belüfteten Bereichen führt das zu:
    • Kondensation

    • Schimmel hinter der Konstruktion
    • Schäden an Innenausbau (Holz, Gips, Putz)

❗ Ohne präzise Feuchte- und Luftstromkontrolle können Pflanzenwände Innenraumluft verschlechtern statt verbessern.

Zusammenfassung: Ja, grüne Wände können funktionieren – aber nicht „nebenbei“

Funktion

Pflanzenwand

Normale Zimmerpflanzen

HEPA-Filter

VOC-Reduktion

✅ Mittel–hoch (bei sauberer Planung)

❌ Minimal

✅ Hoch

Feinstaub-Reduktion

⚠️ Begrenzt

❌ Keine

✅ Hoch

Mikrobiologie nötig

✅ Dauerhaft

❌ Selten relevant

❌ Nein

Wartung

🛠️ Hoch

✅ Gering

✅ Gering

Kosten

💶 Hoch (tausende)

💶 Niedrig

💶 Mittel

Luftfeuchte-Management

⚠️ Kritisch

✅ Moderat

✅ Trocken

Realistisch zu Hause

❌ Meist nein

✅ Ja

✅ Ja

Nicht für die meisten Wohnungen

Ja – aktive Pflanzenwände funktionieren. Man sieht sie in Schulen, Flughäfen, Bürogebäuden und Nachhaltigkeitsprojekten. Aber sie:

  • sind teuer
  • brauchen professionelles Design
  • fordern konsequente Pflege
  • benötigen kontrollierte Bedingungen
  • und schlagen HEPA/Aktivkohle bei Feinstaub und Allergenen nicht

✓ Wenn du Gestaltung und Raumgefühl willst, kann sogar eine passive Pflanzenwand spannend sein.

✗ Wenn du ernsthaft Luft reinigen willst, kommst du an Lüftung, Quellkontrolle und Filtertechnik nicht vorbei.

Person auf einer Leiter pflegt eine große Monstera deliciosa, umgeben von weiteren Zimmerpflanzen
Pflanzen reinigen vielleicht nicht die Luft – aber sie tun oft etwas für Stimmung, Kopf und das Gefühl, im eigenen Zuhause anzukommen.

Was Zimmerpflanzen wirklich bringen: Ästhetik und psychologischer Nutzen

Auch wenn der Luftreinigungs-Hype wissenschaftlich nicht trägt, haben Zimmerpflanzen trotzdem echte, messbare Vorteile – nur eben andere als die, die gern verkauft werden.

Schauen wir auf das, was Pflanzen wirklich gut können – gestützt auf Umweltpsychologie und Forschung zu Innenräumen.

Emotionale und mentale Effekte – wissenschaftlich belegt

Mehrere Studien zeigen: Schon passiver Kontakt mit Grün in Innenräumen kann Stimmung, Denken und Wohlbefinden positiv beeinflussen.

1. Stressreduktion

  • Bringslimark et al. (2009) werteten viele Experimente aus und fanden: Zimmerpflanzen reduzieren verlässlich psychischen Stress – in Büros, Kliniken und Schulen.
  • Gemessene Effekte umfassen:
    • niedrigeren Puls und Blutdruck

    • reduzierten Cortisolspiegel
    • mehr parasympathische Aktivität (Erholungssystem)

2. Konzentration und kognitive Leistung

  • Menschen, die echten Pflanzen ausgesetzt sind (statt Fotos oder Kunstpflanzen), zeigen oft:
    • bessere anhaltende Aufmerksamkeit

    • schnelleres Umschalten zwischen Aufgaben
    • weniger Fehler bei konzentrierten Tätigkeiten
  • Schon eine mittelgroße Pflanze im Raum kann die wahrgenommene Aufmerksamkeit und selbstberichtete Produktivität verbessern

3. Stimmung und Erholung

  • In medizinischen Kontexten berichten Patient:innen in Räumen mit Pflanzen oder Blick ins Grüne häufig:
    • weniger Bedarf an Schmerzmitteln

    • bessere Stimmung
    • schnellere Erholung (Ulrich et al., 1991)

Visuelle Ruhe und Gestaltungseffekte

Grün unterbricht die Monotonie glatter, künstlicher Flächen in Innenräumen. Pflanzen bringen:

  • Farb- und Texturvielfalt in sterile oder monotone Räume
  • natürliche Formen und leichte Unregelmäßigkeit, die viele Menschen als beruhigend empfinden
  • Blickpunkte, die visuelle Ermüdung in bildschirmlastigen Umgebungen reduzieren

In der Innenraumgestaltung spricht man hier oft von visueller Entlastung – und das ist kein „Deko-Blabla“. Es reduziert die mentale Belastung durch harte, überreizte Umgebungen.

Denk an Pflanzen nicht als Geräte, sondern als lebendige Raumgestaltung mit emotionaler Wirkung.


Biophile Raumgestaltung: Warum das zählt

Biophile Raumgestaltung untersucht, wie Räume unsere Verbindung zur Natur stärken können – eine Verbindung, die wir evolutionär brauchen, aber im Alltag oft verlieren.

Pflanzen:

  • erinnern uns an natürliche Systeme
  • holen uns ins Hier und Jetzt (Achtsamkeit)
  • schaffen kleine Pflegerituale (gießen, beobachten), die Selbstwirksamkeit und Fürsorgegefühl stärken

Das ist kein esoterisches Konzept, sondern ein messbarer psychologischer Effekt mit Einfluss auf:

  • mentale Gesundheit
  • Zufriedenheit im Arbeits- und Wohnumfeld
  • Komfort und Identität in den eigenen vier Wänden

Zusammenfassung: Pflanzen lohnen sich – nur nicht aus den Gründen, die man dir verkauft

Nutzen

Belegt?

Mechanismus

Luftreinigung

❌ Nicht im Wohnalltag

Nur in abgedichteten Kammern oder aktiven Systemen

Stressabbau

✅ Ja

visueller und sensorischer Kontakt

Stimmungsaufhellung

✅ Ja

Naturkontakt-Effekte

kognitive Entlastung

✅ Ja

Aufmerksamkeits-Erholung

Luftfeuchte-Effekt

⚠️ Ja, aber unkontrolliert

Transpiration

VOC-Reduktion

❌ Selten

braucht spezielle Mikrobiologie + Luftführung

Gestaltung und Atmosphäre

✅ Offensichtlich

Textur, Farbe, Rhythmus im Raum

Letzter Gedanke: Vielleicht ist die falsche Frage, was Pflanzen „für dich tun“ sollen

Zimmerpflanzen sind keine Mini-Luftfilter – und das waren sie nie. Die Idee stammt aus Laborbedingungen, die mit echtem Wohnen wenig zu tun haben. Im Alltag ersetzen Pflanzen keine Lüftung, entfernen keine Feinstaubbelastung und reduzieren VOCs nicht in einem Maß, das für Wohnungen relevant wäre.

Vielleicht ist es also Zeit, die Frage anders zu stellen.

Statt zu fragen, was eine Pflanze für dich leisten soll, frag dich, wie du dich in deinem Raum fühlen willst. Eine Pflanze schrubbt deine Luft nicht – aber sie kann verändern, wie du dein Zuhause wahrnimmst. Sie gibt dir etwas, das du pflegst. Etwas, das du beobachtest. Etwas, das dich runterholt. Etwas, das wächst, wenn du dranbleibst.

Kauf dir eine Pflanze nicht wegen der Luft – sondern wegen des Rituals, wegen des Hobbys, wegen der stillen Zufriedenheit, wenn wieder ein neues Blatt kommt.

Das reicht völlig.


Quellen und weiterführende Literatur:

Hier findest du eine Auswahl zentraler Studien und Fachquellen, die die Aussagen in diesem Artikel stützen. Wenn du tiefer in die Forschung zu Zimmerpflanzen, Innenraumluft und psychologischen Effekten eintauchen willst, sind diese Arbeiten ein guter Startpunkt.

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